KIRCHE und TIERSCHUTZ
Ansprache von Herrn Prof. Dr. theol. Erich Grässer, Ordinarius für
Neues Testament an der Universität Bonn.
Meine Damen und Herren, liebe Tierschützer.
Dr. Andreas Grasmüller,
der Vorsitzende des Deutschen Tierschutzbundes, hat einmal gesagt: „Tierschutz
ist kein Anlass zur Freude, sondern eine Aufforderung, sich zu schämen,
dass wir ihn überhaupt brauchen.“
Diese Scham wird von den
christlichen Kirchen nicht geteilt. Diese unsere christliche Gesellschaft
in diesem unserem christlichen Abendland lebt in einer beispiellosen Ehrfurchtslosigkeit
vor der Schöpfung. Vom Robbenschlachten im hohen Norden bis zum Vogelmord
im Süden, von der Vernichtung der Regenwälder im Westen bis zur
Ausrottung der Wale in den fernöstlichen Meeren, auf der ganzen Linie
liefert der Mensch den Beweis, dass es nie eine heuchlerischere Anmassung
gab als die, sich selbst „Krone der Schöpfung“ zu nennen.
In Wahrheit ist der Mensch ihr gefährlichster Ausbeuter und ihr grösster
Zerstörer. Und der Würde des Menschen, diesem hohen Verfassungsgut,
dessen Unantastbarkeit unsere Politiker so gerne betonen, schlägt die
gigantische industrialisierte Massentierquälerei brutal ins Gesicht.
Es ist kein Zeichen von Menschenwürde, schwächere Lebewesen auszubeuten
und zu quälen. Tiere sind schwach. Wenn wir ihre Schwäche ausnutzen,
wenn wir mit ihrem unnötigen Leiden und mit ihrem unnötigen Sterben
unseren Wohlstand und unseren Luxus mehren, wenn wir für jeden beliebigen
Nutzen jedes beliebige Tieropfer fordern, dann haben wir unsere Menschenwürde
verspielt und verdienen es nicht, eine sittliche Rechtsgemeinschaft genannt
zu werden.
Und die Kirchen? Was ist
mit Kirche und Tierschutz? Ich muss an dieser Stelle deutlich werden: Wenn
einst die Geschichte unserer Kirche geschrieben wird, dann wird das Thema
„Kirche und Tierschutz“ im 20. Jahrhundert darin ein ebenso schwarzes
Kapitel darstellen wie einst das Thema „Kirche und Hexenverbrennung“
im Mittelalter. Und so, wie die Kirchen im 19. Jahrhundert bei der sozialen
Frage versagten, und die Arbeiter aus der Kirche heraustrieben, so versagten
sie heute im Tier- und Naturschutz und treiben die Tierschützer aus
der Kirche heraus. Denn für Tierschutz hält sich die Kirche nicht
für zuständig. Kirche sei für die Menschen da. Aber dieser
Mensch ist doch gerade nach biblischer und kirchlicher Lehre ein Geschöpf
Gottes inmitten anderer Geschöpfe Gottes. Er lebt als Geschöpf
in der Schöpfung. Noch deutlicher: Er hat von Gott her das Amt, Haushalter
und nicht Ausbeuter der göttlichen Schöpfung zu sein. Allmählich
gewinnt die Kirche diese Einsicht zurück, wie das jüngst von beiden
Kirchen herausgegebene Dokument „Verantwortung wahrnehmen für
die Schöpfung“ beweist.
Aber viel zu lange hat
auch die Kirche statt vom Heil der Schöpfung nur vom Heil des Menschen
gesprochen, und damit jene Grundeinstellung gefördert, die da sagt:
Wir Menschen sind alles, alles andere ist nichts. Die gnadenlosen Folgen
dieser Einstellung, die den Menschen zum höchsten Wesen übersteigert,
die Natur aber zum frei disponiblen Objekt entwertet, bekommen wir immer
deutlicher zu spüren. Die Ressourcen schwinden, die Böden versauern,
die Gewässer verfaulen, die Lüfte verpesten, die Wälder sterben,
die Wüsten wachsen, die Äcker und Tierbestände schrumpfen,
nur die Menschheit wächst und wächst. Ein globaler ökologischer
Kollaps ist nicht mehr nur Alptraum ängstlicher Gemüter, er ist
möglich.
Weltuntergang, na und?
In unzähligen Dokumenten betonen die Kirchen ihre „Friedensverantwortung“,
die allein auf den Menschen beschränkt bleibt. Auf dem Kriegsschauplatz
Natur dagegen und in dem Verbrecherstück der industrialisierten Tierquälerei
tritt die Kirche nicht einmal als Samariter auf. Da ist sie Priester und
Levit. Da geht sie vorüber. Sie vergisst den Ersten Artikel des Glaubensbekenntnisses,
den Martin Luther mit den Worten erklärt hat: „Ich glaube, dass
mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen.“ Die hier noch gewahrte
Ganzheit der Schöpfung ist kirchlich allenfalls Lippenbekenntnis. In
der Ethik entspricht ihm jedenfalls nichts. Veruntreuung der Schöpfung
aber ist heute jene Sünde wider den Heiligen Geist, die nach dem Markusevangelium
(3.29) die unvergebbare heisst. Die Ehrfurcht vor allem Lebendigen, diese
im Namen des dreieinigen Gottes ureigenste Domäne, überlassen
die christlichen Kirchen den Natur- und Tierschützern, die sich dafür
von den Regierenden als Weltverbesserer und Phantasten im grünen Mäntelchen
verspotten lassen müssen. Von der Kirche dürften sie jedoch unter
keinen Umständen so behandelt werden. Vielmehr müsste diese hier
selbst Partei ergreifen, und der stärkste Anwalt der Ehrfurcht vor
allem Lebendigen sein.
Dass man Franz von Assisi
verehrt und Albert Schweitzer als Genie der Menschlichkeit feiert, genügt
hier nicht!
Woher kommt diese Tiervergessenheit in der Kirche? Nun, es liegt daran,
dass die Ethik, die theologische wie die philosophische, meint, sie habe
es nur mit dem Verhalten des Menschen zum Menschen und zur Gesellschaft
zu tun. Das von Albert Schweitzer gewählte Bild ist deutlich: „Wie
die Hausfrau, die die Stube gescheuert hat, Sorge trägt, dass die Türe
zu ist, damit ja der Hund nicht herein komme und das getane Werk durch die
Spuren seiner Pfoten entstelle, also wachen die europäischen Denker
darüber, dass ihnen keine Tiere in der Ethik herumlaufen.“ Was
sie sich an Torheiten leisten, um die überlieferte Engherzigkeit aufrechtzuerhalten
und auf ein Prinzip zu bringen, grenzt ans Unglaubliche. Entweder lassen
sie das Mitgefühl gegen Tiere ganz weg oder sie sorgen dafür,
dass es zu einem nichtssagenden Rest zusammenschrumpft.
Was wir heute erleben,
ist ein mit dem Rechenstift ausgeklügeltes schreckliches Höllenspiel,
in dem wir unsere Nutztiere in der Massentierhaltung zu Tiermaschinen herabstufen.
Die Übermenge an Eiern, Fleisch und Butter, die die westlichen Wohlstandsgesellschaften
auf diese Weise produzieren, ist mit menschenunwürdiger Tierquälerei
bezahlt. Gegenüber dieser überall straflos praktizierten Ungeheuerlichkeit
liest sich Albert Schweitzers Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben wie eine
Botschaft von einem anderen Stern. Und eine Kirche, die zu dem allem schweigt,
erklärt damit den Bankrott ihrer Barmherzigkeitspreidigt!
Dabei ist die Ethik der
Ehrfurcht vor dem Leben biblisch. Die Bibel Alten und Neuen Testamentes
ist voller Zeugnisse von Gottes Fürsorge für alle Geschöpfe.
Weil das Gutsein zu den Tieren eine Selbstverständlichkeit ist, darum
hat man das Zentrum des christlichen Glaubens, die Dahingabe des Lebens
Jesu für die Sünden der Menschen, mit dem Bilde vom guten Hirten
umschrieben:
„Ich bin der gute Hirte, der gute Hirte lässt sein Leben für die
Schafe.“
Quelle: Arbeitskreis gegen Vivisektion Interlaken
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